24. Februar 2021 in Potsdam – 9:00 bis 15:30 Uhr

Pandemie – Beschleuniger für die Digitalisierung im Gesundheitswesen?

Die Pandemie hat die Digitalisierung des Gesundheitswesens ungemein beschleunigt – aber um die Anfang des Jahres eingeführte elektronische Patientenakte zum Laufen zu bringen, braucht es noch viele Anstrengungen. Das waren zwei Erkenntnisse der 16. Landeskonferenz „Digitalisierung im Gesundheitswesen“, die von der Telemed-Initiative Brandenburg e.V. und der Digital-Agentur Brandenburg GmbH veranstaltetet wurde. 26 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Praxis diskutierten dazu am Mittwoch in Potsdam und stellten innovative Konzepte vor – digital per Livestream für jeden kostenfrei zugänglich.

36.000 abgerechnete Videosprechstunden – allein in Brandenburg

„Die aktuelle Corona-Krise zeigt eindeutig, wie bedeutend Telemedizin und Digitalisierung im Gesundheitswesen sind,“ sagte Brandenburgs Gesundheitsministerin Ursula Nonnemacher (Bündnis 90/Die Grünen) zu Beginn der Konferenz. Das betreffe insbesondere das Thema Videosprechstunden. Seit Beginn der Pandemie seien die Zahlen in die Höhe geschnellt. Allein in Brandenburg seien 2020 rund 36.000 Videosprechstunden abgerechnet worden, 2019 waren es erst knapp 3.000 abgerechnete Videosprechstunden – und zwar bundesweit. „Eine wirklich beeindruckende Beschleunigung“, so Nonnemacher.

Auch das Monitoring des Infektionsgeschehens der Pandemie und die Steuerung der Betten für die Covid-19-Patienten in den Brandenburger Kliniken laufe komplett digital ab. Das DIVI-Intensivregister etwa, dass bundesweit die verfügbaren Intensivbetten aller Krankenhäuser anzeige, ist erst im Zuge der Pandemie geschaffen worden.

AOK Nordost klärt rund 3.000 Ärztinnen und Ärzte über die ePA auf

Ein Meilenstein für die Digitalisierung des Gesundheitswesens – auch über die  Pandemie hinaus – ist die Anfang des Jahres eingeführte elektronische Patientenakte, kurz ePA. Darin waren sich gematik-Geschäftsführer Dr. med. Markus Leyck Dieken und die AOK Nordost -Vorstandsvorsitzende Daniela Teichert bei einer Podiumsdiskussion einig. „Wir wollen dafür sorgen, dass der Patient mit der ePA seine Gesundheitsdaten sammeln kann. In Gesprächen mit Behandlern können die Vorbefunde dann immer wieder zur Referenz werden, wenn es sinnvoll ist,“ sagte Leyck Dieken, der mit der gematik für die technische Infrastruktur für die ePA verantwortlich ist.

Entscheidend für den Erfolg der ePA sei, dass nun auch die Ärztinnen und Ärzte rasch mit ins Boot geholt werden, so Daniela Teichert. Sie müssen sich nach Abschluss der derzeitigen Testphase bis spätestens zum 1.Juli 2021 an die ePA anschließen und dafür ihre Praxen digital aufrüsten. Erst dann können sie ihren Patienten Behandlungsdaten in die ePA einstellen. Viele Ärzte fühlten sich dafür bislang noch nicht ausreichend gut informiert. „Unsere Arztberater werden in den nächsten Monaten deshalb rund 3.000 Arztpraxen in Berlin, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern dabei unterstützen, die technischen Voraussetzungen für den Anschluss an die ePA zu meistern“, sagte Teichert. Die Krankenkassen sind für die Herausgabe der elektronischen Patientenakte in Form einer App verantwortlich.

Lehre aus der Pandemie: Bundesregierung will mehr Gesundheitsdaten nutzen

Die Pandemie hat aber auch gezeigt, dass beispielsweise die Gesundheitsämter bei der Verfolgung von Infektionsfällen wegen veralteter Technik schnell an ihre Grenzen gekommen sind. Auch über die eingeschränkte Wirksamkeit der Corona Warn-App gab es Diskussionen. „Die Kritik, dass wir in der Pandemiebekämpfung zu wenige Daten genutzt haben, ist in Teilen berechtigt“, sagte der E-Governance-Experte Prof. Dirk Heckmann von der TU München in einem Impulsreferat allgemein dazu. Mehr Datennutzung lasse sich dabei mit dem Datenschutz vereinbaren – man müsse es nur richtig anstellen.

Die kürzlich verabschiedete Datenstrategie der Bundesregierung, für die Heckmann als Berater fungierte, trage dem nun Rechnung. So soll es künftig in allen Bundesbehörden „Chief-Data-Scientists“ geben, es sollen Datenlabore entstehen, damit die Behörden agiler und experimentierfreudiger werden. „Das ist ein dringend nötiger Paradigmen-Wechsel“, sagte Heckmann.

Die Datenschutz-Beauftragte der AOK Nordost, Heike Thielmann, forderte als Lehre aus der Pandemie einen solchen Mentalitätswandel auch von Unternehmen in der Gesundheitswirtschaft ein. Die Frage sei nicht mehr Ob, sondern Wie sich Daten nutzen ließen. „Jeder Verantwortliche ist gut beraten, sich für die Stelle eines Datenschutzbeauftragten einen Datenschutzmanager zu suchen und nicht nur einen Datenschutz-Juristen“, sagte Thielmann. Wer als Datenschutzbeauftragter immer nur sage, was nicht gehe und nicht aktiv an Veränderungsprozessen mitarbeite, um den werde künftig einen Bogen gemacht.

DigitalAgentur will länger selbstbestimmtes Lebens zu Hause ermöglichen

Auch Jürgen Heese, Vorsitzender des Vorstands der Telemed-Initiative Brandenburg, konstatierte, dass die Pandemie einen großen Schub für die Digitalisierung des Gesundheitswesens ausgelöst habe „Durch den Lockdown waren alle gezwungen, Digitalisierung in die Praxis umzusetzen. Dadurch ist einiges in Bewegung gekommen. Ich bin sehr optimistisch, dass wir jetzt die Erkenntnisreife gewonnen haben, dass viele Vorhaben nun zügig umgesetzt werden müssen – gerade für die ländlichen Regionen“.

Der Geschäftsführer der DigitalAgentur Dr. André Göbel nannte als ein konkretes Beispiel ein längeres selbstbestimmtes Leben in den eigenen vier Wänden. Dafür müssten auf kommunaler Ebene Wohn- und Lebensräume verstärkt angepasst werden. „Diese Infrastrukturmaßnahmen sind von sehr langer Planungs- und jahrzehntelanger Nutzungsdauer. Von der Quartiers- über die Gebäudeplanung bis hin zur vorverlegten Glasfaser in der Wohnung sowie an Lebenslagen optimierte Innenstadtgestaltungen und Serviceangebote – all das sind originäre Gestaltungsaufgaben der Daseinsvorsorge einer Kommune, bei der wir als DigitalAgentur des Landes unterstützen“, sagte Göbel.


Die Inhalte der Konferenz finden Sie gesammelt hier.


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Programmflyer zum Download


Jürgen Heese und Jürgen G. Waldheim  
Telemed-Initiative Brandenburg e. V.  

Dr. André Göbel
DigitalAgenturBrandenburg GmbH

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